Tabula Rasa in Großhirn

Eine fast biographische Erinnerung über die Ankunft

eines "Ossis" in "Wessi" - Wunderland.

Meine Kariere als „Wessi“ war einfach und sponsered by Steuerzahler. Ich war noch gar nicht da, da wurde ich schon mit offenen Armen erdrückt. 100 DM Begrüßungsgeld, Turnschuhe von der Caritas und 1.000 DM vom „Verbund der Vertriebenen“ in Bonn. Geil! ich war auf einmal reich. Und ich war auf einmal alleine. So alleine, wie man nur als Vertriebener ist. In dem Bezug hatten die in Bonn recht.
Ich war Vertriebener im „kalten Krieg“. Im Krieg bin ich aufgewachsen. Krieg war normal. Ich habe ihn schon mit der Milchflasche bekommen. In der Schule kam dann der intellektuelle Feinschliff für die Moral. Jetzt habe ich die Fronten gewechselt.
Bin gewechselt worden.
Warum? Weil ich zu dumm war die gute von der schlechten Atombombe zu unterscheiden. Hinsetzen fünf. Der Krieg geht jetzt schon ins zwanzigste Jahr und ich bekomme langsam die Krise.


Arbeitsamt Balingen 1:

„Was wollen sie?“
„Äh ich wollte fragen, ob sie noch eine Lehrstelle haben?“
„Wo wohnen sie?“
„Im Asylantenheim dort oben in dem Hochhaus.“
„Ja; woher kommen sie denn?“
„Aus der DDR.“
„Ach nee? Ja dann warten sie mal, ich bin gleich wieder da. Ey, Leute da ist einer aus der Zone.“


Mein Gott, was hatte ich Angst. Ich war ja neu hier. Ich war erst 4 Wochen hier in Wunderland. Die ersten 2 Wochen haben sie mich im zentralen Auffanglager in Gießen festgehalten. Das ist kein Witz, sie nannten das echt Auffang-Lager. Als ob wir Ossis irgendwie vom Himmel fallen und man uns auffangen müßte. Vorsicht: Alien-Alarm. Danach 1 Woche in Raststadt. Jetzt bin ich in Balingen. In Gießen war die große Geheimdienst-Befragungs-Show. Sie hatten wohl Angst ich könnte ein „Schläfer“ sein. Was für Dilettanten. Die sind doch überhaupt nicht bei der Sache. Die interessiert das doch gar nicht. Die sind doch nicht mit dem Herzen dabei. So wie wir.


Arbeitsamt Balingen 2:

„Ja, Herr Michelus wie sind sie denn hier rüber gekommen? Wollen sie einen Kaffee, Tee oder ein Wasser? Erzählen sie mal. Hat man auf sie geschossen? Wie haben sie das geschafft? Hey Kollegen kommt doch mal her!“

Bloß nicht unter einer Brücke landen. Nie wirst du unter einer Brücke pennen. Du wirst stark sein. Hier im Niemandsland. Du suchst dir eine Ausbildung und kommst durch. Du wirst deine Mutter anrufen und sagen: alles ok Mama. Mir geht es gut.

 „Schau her. Schau mal diese Karteikarten durch, Das sind alles noch freie Lehrstellen. Was willst du denn mal werden? Ja ja, es ist schon ende September, aber wir regeln das. Du hast bestimmt kein Geld. Frau Simonis, schauen sie doch bitte nach, was wir für diesen Jungen raus holen können! Fotolaborant? Ist noch frei! Ich rufe gleich an. Aber sagen sie da bitte nicht, daß sie aus dem Osten kommen. Wissen sie, einige Leute hier haben da gewisse Vorurteile.“


Vorurteile? Mein Gott. Vor einem Jahr wurde ich im Namen eines Volkes, daß ich nicht kenne, verurteilt und verfrachtet. Jetzt schon wieder ein Urteil. Und auch noch davor. Der Westen war offenbar genauso bescheuert wie der Osten. Aber besser dekoriert. Wieso glauben die eigentlich, daß ich freiwillig in Ihr Land komme? Ich bin kein Überläufer, ich bin Flüchtling. Ich bin auf der Flucht. Und ich bin bestimmt nicht stolz darauf.


Arbeitsamt Balingen 3:

„Frau Weigold, wo sind den die Unterlagen? Ach da. Gut. Also Herr Michelus sie fahren am besten gleich heute Nachmittag da hin. Keine Angst. Das ist ein guter Freund von mir. Sie haben die Lehrstelle. Sie müssen nur noch da und da unterschreiben. Nein, nein, daß ist nur für das Geld. Hier, damit bekommen sie an der Kasse 150 Mark. Na ja, wir haben gemacht, was wir konnten. Ach, Herr Michelus, kommen sie mal her. Wie war das jetzt mit diesem „Häftlingsfreikauf“? Davon habe ich ja noch nie was gehört?“


Die Menschen hier waren nicht nur seltsam, sondern auch schlecht informiert.
Bei uns wußte das jeder. Später habe ich dann erfahren, daß die Schulbildung dieser Menschen hauptsächlich aus „Perry Rodan“ und Ansichtskarten aus New York bestand. Wenn du hier jemanden nach „DADA“ fragtest, fiel ihnen als erstes TRIO ein. Mitten unter denen bin ich jetzt gelandet.
Majakowski halten sie ja heute noch für russische Mayonnaise.



Angefangen hat das alles mit einem grandiosen Mißverständnis.
Das Leben: „... ja aber hallöchen. Schön das du auch mal vorbeischaust. Immer geradeaus und leicht links halten. Ok?“
Das Ich: „... wau, abgefahren. Was geht hier ab, Alter? Ist ja irre. Klar, wenn ich schon mal da bin ...“

Das Mißverständnis wurde schnell bereinigt. In Drei Phasen. Mit 8, 15 und 19 Jahren. Mit 8 Jahren war meinen Eltern klar, daß sie nicht nur mit mir, sondern vor allem mit sich selbst, mehr als überfordert waren. Also ging‘s getrennte Wege. Nicht jedoch ohne vorher das Zuhause, mein Zuhause, in ein Schlachtfeld zu verwandeln. Das Massaker dauerte 12 Monate. Und meine Mutter gewann. Meinem Vater fehlte einfach der Biß, um täglich gegen auf ihn zufliegende Pfannen und Vasen an zu stinken. Die meisten Beulen hatte er trotzdem verdient.
Danach kehrte wieder Ruhe ein und ich schaute mich noch mal um. War eigentlich gar nicht so schlecht hier. Die Bude war gut eingerichtet, der Kühlschrank immer voll und Mutterns Ausraster vorhersehbar. So läßt’s sich leben, dachte ich mir.
Die beschaulichen Kinderjahre verflogen. Flogen hinein in etwas, was mir die Erwachsenen als das wirkliche, wahre Leben feilboten. War alles schön hergerichtet und sah gut aus. So war ich Kommunist bevor ich das Wort überhaupt schreiben konnte. Juri Gagarin, Sigmund Jähn ... auf zu neuen Welten. Eigentlich hatten wir ja schon gesiegt. War also nur noch eine Formsache. Und es war schön.
Mit 12 waren wir schon die „Kampfreserve der Partei“. Die wiederum der „Bruder“ der größten Militärstreitmacht der Erde war. Mit dünnen X-Beinen marschierten wir durch Berlin. Die Welt sah auf uns. Die Menschen am Straßenrand winkten uns. Lauter potentielle Väter, die stolz auf ihren Sohn waren. Lauter liebende Mütter, die auf einmal Zeit für mich hatten. Es war ein Triumphzug.
Zu Hause war Futtertrog und Ruhephase.

Schnell stand die zweite Klärungsphase vor der Tür. Sie war geprägt von der Frage: was ist das für ein Ding da zwischen meinen Beinen? Genau, ich war 15 und die Revolution mußte erst mal warten. Ab jetzt hieß es jeden Tag eine Stunde eher aufstehen. Das war jetzt die Zeit, die man vor den Spiegel brauchte, bevor man sich in die Schule traute. War gar nicht so einfach sexappeal zu verströmen, wenn man aussah wie eine Bohnenstange und ein Gebiß hatte wie ein Pferd. Hat aber trotzdem geklappt. Und der ersten großen unglücklichen Liebe stand nichts mehr im Wege.
Nach einem Jahr habe ich wieder mit sprechen angefangen.

Mädels waren also komisch und Zeit zum Revoluzzern wieder reichlich vorhanden. Der Klassenfeind, hinter Mauern und Stacheldraht gut geschützt vor mir, blieb erst einmal verschont. So beschnupperte ich meine eigenes Revier. Roch auch nicht besonders gut.
Also: „Auf, auf in den Kampf Genossen...“ und rann an die Butter.
Womit die dritte Klärungsphase ihren Anlauf nahm. Aufgrund meiner völligen Verkennung der wahren Kräfteverhältnisse eine doch recht kurzen Phase. Das Gericht blieb in seinem Urteil 3 Monate unter dem Antrag des Staatsanwaltes. Was ich als recht angenehm empfand. Aber mit 18 ist man einfach zu jung für diesen Blödsinn.


Arbeitsamt Balingen 4:

„Hallo, Herr Michelus. Hören sie mir zu?“
„Äh, ja. Wie bitte?“
„Wieviel hat man jetzt für sie gezahlt? Kommt da jemand mit dem Koffer an die Grenze? So geheimdienstmäßig? Oder wie läuft das?“
„Äh, ...“




Berlin-Ost, 15 Monate vorher:

„Herr Michelus, sie können nicht einfach so die Schule verlassen. Reißen sie sich doch mal zusammen. In 3 Monaten sind die Abschlußprüfungen.“ Der Schuldirektor war offenbar sehr bemüht.
„Ich halt es hier nicht mehr aus.“ parierte ich ...
„Ja, das geht aber nicht.“ ... er hatte es nicht einfach mit mir.
„Dann bringt mich doch in Ketten zur Schule.“ Vorhang und Applaus.

Was für eine Sitzung. Direktor, Parteisekretär, Klassenlehrer. Sogar meine Mutter hatten sie geladen. Dabei wußte die doch am wenigsten was los ist. Sie haben sich wirklich bemüht. Schon seit Monaten. Sie hatten jedoch keine Chance. Der Zug war schon zu lange abgefahren. Trotzdem war es schön zu fühlen, daß es ihnen nicht egal war, wenn ich beschloß in der Gosse zu landen. Aber was sollte ich hier noch. Hier, in dieser Eliteschule der Führer von morgen. Hier, während draußen das Leben auf mich wartet. Es zog mich einfach weg von dort. Gegen meine Lehrer kann ich echt nix sagen. Waren alle ok, auf ihre Art. Außer Lorenz. War ein prima Mathelehrer, aber als Parteisekretär der Schule, eine totale Niete. Ein Traum von einem Ignoranten. Ich war noch keine vier Wochen an dieser selbst ernannten Führer-Schule, da hat er mich schon abgewatscht. Und das alles wegen einer lächerlichen Bluesmesse in einer lächerlichen Kirche mit noch lächerlicheren Phseudo-Opositions-Freaks. Das einzige interessante an dieser Veranstaltung waren die Kameras der Stasi am Haupteingang des Portals. Muß schon sagen, alle Achtung. Keiner der Bluesmessenbesucher hat versucht sein Gesicht vor diesen Kameras zu verstecken. Hat mich schwer beeindruckt damals und ich sagte mir, die landen nächste Woche bestimmt alle in den Knast. War trotzdem relativ langweilig diese Party und eher ein Mißverständnis meinerseits. Leider hat Mister Lorenz vergessen mich zu fragen, wie die ganze Chose überhaupt zustande kam. Na ja, die erste Watschen hat jedenfalls gesessen und ich sagte mir: Michelus, was hast du mit diesem Laden eigentlich noch zu tun? Darauf hin folgte Watschen auf Watschen. Nicht nur für mich. War aber in Ordnung, denn ich habe natürlich provoziert bis zum Abwinken. Wollte es einfach wissen. Wissen, was so geht im Leben. Und an dieser Schule.
Das Ergebnis war mager.

„Ich muß hier raus.“
Mit einem Satz bin ich an der schweren Eichentür und schon auf dem Gang. Ich renne, ohne zu sehen. Ich höre hastige Schritte hinter mir und ein immer leiser werdendes „Herr Michelus...Herr Michelus sie können doch nicht...bleiben Sie stehen...“
Ich mag den Direktor dieser Schule. Er ist Ok. Noch die letzte Tür und ein frischer Wind bläst mir ins Gesicht. Ich liebe diesen Wind. Ich liebe diese Luft. Ich liebe diesen Geruch. Das Leben.
Jetzt bin ich da.



„Hallo Uli“


Uli, auch Professor genannt, war für mich die erste Adresse in den Untergrund. Hier traf sich, was noch nicht verhaftet war.
„Hey Mike. Komm rin.“
„Danke. Wat‘n hier los?“
Ulis Wohnung war sowie so schon eine Mischung aus Freakshow, Matratzenlager und Kunstgalerie. Aber diesmal sah es besonders schlimm aus. Der Boden war voll mit Drähten, Kondensatoren, Schaltern und Platinen. Als ob hier ein Raumschiff eine Notlandung versucht hätte. Eine ziemlich Unglückliche.
„Dit is Tiymur. Wir baun jerade nen Synthesizer.“ versuchte Uli die Lage zu erklären.
„Dit Ding will aber einfach nich lofen. Dabei waren det Schaltpläne aus‘m Westen. Hi Mike.“ gab Tiymur dazu. „Also Fehlersuche. Na det kann dauern.“

Tiymur war Musiker und ein Süff-Bolzen vor dem Herrn. Schwarze ungepflegte Haare, schwarzer ungepflegter Zottelbart und eine Jacke, die seit ihrer Erschaffung Anno 1780 wohl noch nie Wasser gesehen hat. Seine Hauptkennzeichen waren ein breites unverschämtes Frosch-Grinsen im Gesicht und einen irren Blick, gegen den Klaus Kinski aussah wie ein Langweiler. Tiymur war das perfekte Klischee eines Anarchisten. Wenn jemand wirklich Angst vor Anarchos hatte, dann wegen Tiymur. Und ausgerechnet der wollte jetzt einen Synthesizer bauen.
„Hey, pass doch uf. Tritt mir bljoß nich uf de Trigger-Schaltung, ey.“
Offenbar war Tiymur heute nicht in Stimmung.
„Willst n Kaff?“ versuchte Uli stimmungshebend zu fragen.
„Ja, danke. Wo is’n dit Problem?“ heuchelte ich Interesse. Wobei das eigentlich gar nicht geheuchelt war. Synthesizer? Das waren doch die großen schweren Kisten mit tausend Knöpfen und den Charme eines Cockpits von Alpha Centauri? Wenn man an den richtigen Knöpfen drehte, kam irgendwo ein Zisch, Piep, Brum oder gar nichts raus. War auf alle Fälle interessant.
„Wees ick doch nich. Der VCO röhrt sauber vor sich hin. Aber der Sequenzer macht bloß tick tick und aus is. Liegt wohl am CLOCK Signal. Diese Syncronschaltung hier is echt bescheuert.“
Offenbar witterte Tiymur einen Gleichgesinnten.
„Haste ne Ahnung von?“ checkte ich erstmal.
„Ja seh ick etwa so aus oder wat? Reich mir mal den Lötkolben rüba Atze. Wo is’n dit scheiß Lötfett jetz?“
Tiymur war Bibliothekar in Ausbildung und verstand von Elektronik so viel, wie ich von Frauen. Sah einfach nicht gut aus für den Syntesizer.
„Hier dein Kaffee. Paß uf is heiß. Hast du ne Ahnung von dem Zeug?“ Uli war der perfekte Gastgeber.
„Wieso den icke?“
„Du machst doch Abi. Führer der Kader von morgen, oder so.“
„Jenau, wer die Welt retten will, wird ja wohl noch nen Synthi zusammenbraten könn.“ meldete sich Tiymur aus einem der Kondensatorenberge.
„Du kene Ahnung. Echt“ Ich wußte noch nicht einmal, wie man Syntheziser richtig schreibt.
„Alles klar mit dir?“ Schlug Uli als nächstes Thema vor.
„Schon. Ick hab jerade de Schule jeschmißen.“
„Ja, wie? So richtig oder wat?“
„Ja klar. Der Direktor hat mir och noch versucht einzufangen. Is aber nich.“
„Und jetzt? Wat willste machen?“
„Kene Ahnung. Leben erstmal, wa. Urlaub oder so.“
„Na dann paß bloß uf dat die dir ken Assi-Paragraphen an die Backe hängen, Alter.“
Tiymur setze sich uns gegenüber auf einen dieser versüften Matratzenberge. Für ihn war das die perfekte Tarnung im Ernstfall. Wenn mal wieder die Bullen kamen, wurde er da oben als letzter entdeckt. Und dann auch weniger, weil man seine Erscheinung von diesen verdreckten Matratzen unterscheiden konnte, als vielmehr weil man roch, daß da irgendwas lebt, was schon lange abgelaufen war. Während er sprach, versuchte er mit seinen Augen Löcher in die Wand hinter mir zu materialisieren.
„Wieso dite den?“ fragte ich ehrlich überrascht.
„Ja, wenn de ken Job hast oder studierst oder so wat, biste fällig für'n „Assi“. Kenn einije, die dafür einjefahren sind.“ erläuterte Tiymur die Lage.
„Jehste halt in’s Rathaus und meldest dir arbeitslos. Dann könn die dit nich so schnell.“ Uli kannte sich aus. Das er überhaupt noch frei herumlaufen konnte, verstand damals niemand in der Szene. Ich meine, Uli kannte mehr Leute die im Knast waren, als andere Primzahlen. Und jeder hatte ihn mit Sicherheit belastet. Trotzdem saß er jetzt hier und gab gute Ratschläge.
„Dit jet doch nich. Dit jibt doch kene Arbeitslosen hier.“ Ja, ich war damals schon sehr naiv. Oder hatte einfach die falschen Bücher gelesen.
„Keule, willkommen im richtigen Leben ...  Stooop!!! Nich da ruf setzn. Hab ick jerade sortiert.“
Tiymur stürzte sich mit gezücktem Lötkolben wieder auf eines der Kabellabyrinthe am Boden.
„Pennst am besten erst mal hier. Noch n Kaff?“ Uli war klasse.
Der Pennplatz war also erst mal gesichert.

Zu Uli konnte man kommen, wann man wollte. War immer was los. Hier konnte man sich zu Hause fühlen. Hier war man unter Gleichen. Diskutiert wurde kaum. Wozu auch? Solange man noch Geld für eine Packung CARO hatte, war die Welt erst einmal in Ordnung. Und Aktion gab es reichlich. Das beste war jedoch Ulis legendäre Plattensammlung. Lauter illegales vom Klassenfeind. Jede Scheibe war gut für 2 Jahre ohne Bewährung. Irritierend waren bloß die Hakenkreuze auf seinen Hausschuhen.
Für mich fing jetzt das Leben an. Jede Sekunde war ein Tag. Geschlafen wurde wo man Platz fand. Ohne Angst vor Morgen. Es sei denn, die Fluppen wurden knapp. Aber nie gingen sie aus. Irgend jemand hatte immer welche. Es war genial: je weniger die Leute hier hatten, um so mehr teilten sie mit anderen.

Das ging so weit, daß man sich irgendwann auch eine Zelle und den Anwalt teilte. Der Knast war eigentlich eine überflüssige Zeit. Aber man konnte dort auch viel lernen. Zum Beispiel, wie es sich anfühlt eine Makarow aus 10 Zentimeter Entfernung von vorne anzukucken, während einem ein durch geknallter Phsycho in Uniform in’s Ohr brüllt:
„Bei Fluchtversuch wird ohne Warnung geschossen!“ Danke für die Ansage, wäre nicht nötig gewesen.
Man konnte auch lernen, wie man aus einem Kugelschreiber, zwei Rasierklingen und etwas Draht einen Tauchsieder baut, der ein Liter Wasser locker in 40 Sekunden zum kochen bringt. Leider sind dadurch regelmäßig die Sicherungen durchgeknallt. So flog die Sache auf. Na, ja lernen kann man überall.
Muß ja nicht gerade im Knast sein.
Sonst gibt es über den Osten nicht viel zu sagen. Was zu sagen war wurde schon gesagt und durch etliche Talkshows gezerrt. Inzwischen soll es ja Psychiater geben, die auf Ost-Neurosen spezialisiert sind. Ein blühender Zweig. Was soll’s.
Wir waren jung, wir waren dumm und wir waren verliebt. Wenn wir Glück hatten. Ab dem 16.07.1986 war dann jedenfalls Westen angesagt. Und damit begann ja eigentlich diese Geschichte.

Vom Arbeitsamt Balingen ging es nach Jungingen. Die Lehrstelle als Fotolaborant dort habe ich gleich bekommen. Der Chef war schwer in Ordnung. Er hatte ein großes Herz. War einfach ein gutmütiger Mensch. Der Laden hatte jedoch ein Problem: es war ein Familien-Unternehmen. Zu der Familie gehörten leider auch Frau und Tochter. Ich weiß nicht, was Gott sich dabei gedacht hat, aber als er die FRAU erschuf, hatte er bestimmt nicht an diese Beiden gedacht. Mein Chef muß sehr gelitten haben. Ich meine nichts gegen Zickigkeit, aber irgendwo ist auch mal Schluß. Ich sagte mir, wenn alle Frauen so unterwegs sind, dann werde ich Schwul. Keine Frage.
Leider hat es zum Schwul sein bei mir nicht ganz gelangt. Trotz der überschüssigen weiblichen Anteile. Denn Männer sind einfach umgänglicher. Habe einige von denen in Berlin kennengelernt. Alles nette Burschen. Der Deal hieß: Pennplatz gegen Sex. Ich meine, wer will schon bei Regen in der Mülltonne schlafen. Und interessant war es ja auch. Zu mindestens neu. (Eigentlich war es Verführung Minderjähriger derenseits, heute würde man sagen sexueller Mißbrauch)
War sogar einen Monat in einer Zweierzelle mit einem. Dachte, der wird jetzt gleich über mich herfallen. Aber Pustekuchen.
Ich weiß gar nicht, warum die Menschen glauben, daß Schwule den ganzen Tag nur ans vögeln denken. Die haben doch ganz andere Probleme, mit denen sie fertig werden müssen.

Na ja, gewohnt wurde im Westen erst einmal in einer WG. Das war ausgemachte Sache. Alleine wohnen war nicht. Alleine wohnen hatte was von Selbstmord auf Raten. Also rein in die Hippiekommune. Am ersten Tag habe ich gleich Abendessen gemacht. Für alle. War normal für mich. Ich also dong, dong durch die Zimmer geschlappt und zum Essen fassen gerufen. Die haben mich angekuckt, als ob ich vom Mars komme. „Wie, du hast für ALLE gekocht?“ Wenn die Freaks in diesem Land wegen einer spontanen Essenseinladung schon so überrascht sind, wie waren dann erst die „Normalos“?
Fragte ich mich damals. Ich spürte: die DDR muß für diese Leute hier irgendwo hinter Sibirien liegen. Soziales Denken&Handeln und Gemeinsinn kannten sie wohl nur aus Romanen. Jemand der „gab“ ohne Hintergedanken, nur aus purer Freude und ohne Eigennutz war neu für sie. Die kannten das einfach nicht. Unbegreiflich, ich kam wir wirklich so vor, als ob ich vom Mars komme. Die Normalos habe ich später dann auch kennen gelernt.

Nun, mit der Ausbildung zum Fotolaboranten war es dann schnell vorbei. Also wurden mal wieder die Koffer gepackt, war ja damals meine Hauptbeschäftigung. Und ab ging‘s wieder nach Berlin. Diesmal in den Westteil dieser kranken Stadt. In Berlin-West stand ich wie der Ochs vor dem Tor. Ich kannte keine Sau. War aber kein Problem. Die Ankunft am Bahnhof Zoo war klassisch. Wim Wenders hätte seine wahre Freude gehabt. Rein scene-technisch gesehen. Mein alter Pappkoffer war auch noch aus den 60ern.
Das hatte alles irgendwie Stil, aber mir war das Scheißegal.
Zum Glück hatte ich noch eine Kontaktadresse irgendwo in Tempelhof. War so zu sagen meine ehemalige Knastgenossin aus der DDR. Nicht das wir in einer Zelle saßen, die Frau hat mir geholfen da rein zu kommen. Und ist dann gleich mitgegangen. Oder war das umgekehrt? Na, ja auf alle Fälle stand ich vor der Tür und Ding Dong. Und schon wieder war ein Pennplatz gesichert. Die nächsten drei Monate waren wieder ...
... es war 1987 und Mister Reagen gab sich in Berlin-West die Ehre. Volkszählung und diverse andere Unannehmlichkeiten waren auch noch angesagt. Grund genug für allerlei Demonstrationen und andere Aktivitäten. Langeweile kam da nicht auf.
Trotzdem fühlte ich mich weiterhin deplaziert. Nach drei Monaten war dann erst mal Schluß. Irgendwann hatte sich, jeden Tag von den Bullen verprügeln zu lassen, auch seinen Reiz verloren. Also wieder die Koffergeschichte und Berlin-West war abgehakt.
Da Hechingen mit seiner WG ganz nett war, ging es dahin wieder zurück. Vor allem auch deshalb, weil das Vermieterehepaar schwer in Ordnung war. Sie waren Sozialpädagogen, die ihren Beruf als Berufung sahen und uns WGler behüteten wo sie nur konnten. Das hatten wir auch nötig. Diese Zwei (Stoppel&Ute) gaben uns eine Chance, die sonst keiner gab. Es war genau das, was wir jetzt brauchten. Sie hatten es nicht leicht mit uns und wir gaben uns keine Mühe es ihnen leicht zu machen. JA, wir waren Schweine, aber mit Herz. Sechs Jahre haben wir dort gesauigelt bis zum Abwinken. Kam jemand vorbei und hatte eine blödsinnige Idee, sagten wir: geil wann geht es los. Wir waren hoffnungslos bis zum umfallen und nahmen jede Chance war. Es war ein Vulkan. Wir tanzten darauf und der Vulkan war gnädig.

Wir haben alle überlebt.
Wir waren zu hungrig um zu sterben.

Nach sechs Jahren war auch da die Luft raus und jeder ging seine Wege. Es wurde gestartet, wir waren jetzt soweit. Der eine dorthin und der andere wer weiß wohin. Wir haben uns ausgetobt und konnten jetzt mit dem beginnen, was wichtig war: das Leben. Es wartete noch immer auf uns. Da sagten wir nicht nein. Für mich begann jetzt das, was man Unternehmertum nennt ...

 

... bis ich ... nach weiteren zehn Jahren ...  an einem Stuttgarter Theater ankam ... und mit 47 Jahren ... erwachsen wurde.

 

 

Seit dem bin ich glücklich.