Brief an einen deutschen Jung-Kommunisten im Jahre 2012

Foto: H. Hauswald / DDR Regierungskonvoi in der Wilhelm-Pieck-Straße

 

 

 

Du sagst: „Ich wäre stolz gewesen in der DDR gelebt haben zu dürfen.“

Gut. Hast Du aber nicht.

Das waren WIR.

Wir, die vor dir Geborenen.

Wir, die in der DDR „in Echtzeit“ lebten.

Wir können nichts dafür. Und Du auch nicht.

Lassen wir das einfach mal so stehen.

 

Schon vor 30 Jahren fand ich es bemerkenswert, wenn West-Linke uns DDRler vorrechneten, wie gut wir es doch hätten. Rein theoretisch. Und aus ihrer Sicht. Interessanter Weise ist keiner von ihnen deshalb in die DDR übergesiedelt. Warum? Wo doch das Paradies vor ihren Füßen lag? Waren sie dumm, oder zu faul?

Ich glaube nicht.

Ich glaube, die meisten wußten oder ahnten, daß sie, einmal in der DDR angekommen,

den Eifelturm so schnell nicht wieder sehen. Mal eben in den Ferien in die Toscana trampen, ist dann auch vorbei. Und Bücher lesen, die einen gerade interessieren, entwickelt sich dann schnell zum strategischen Fünfjahresplan.

Das war den West-Linken wohl durchaus klar.

Also blieb man, wo man war und ließ uns im Osten alleine.

Alleine mit unserem „Weltrettungs“- Auftrag.

 

Ich kam mir damals vor, wie ein Affe im Zoo,

wo die Besucher, mit der Eistüte in der Hand, mir erklärten, daß sie selber gerne drinnen säßen.

Daß sie mich beneideten, denn ich müßte nicht mehr um Nahrung kämpfen. Bekäme alles „geliefert“.

Und Löwen fräßen mich auch nicht mehr auf.

Ich rief: „ ... dann kommt doch REIN !“. Sie resümierten: „Eine interessante Idee, wir werden das mal diskutieren“. Und reichten noch eine freundschaftliche Banane hindurch.

Eilig waren sie damals unterwegs. Die Theoretiker.

Schade. Ich hätte ihnen gerne noch von meinen Träumen erzählt ...

 

Meine Träume von Freiheit. Meine Träume von selber entscheiden. ... Meine Träume vom Urwald.

Meinem Traum, auch mal ein Eis zu haben. Ohne Genehmigung.

Ohne Genehmigung von OBEN, von wo es statt dessen oft nur eines mit dem Schlauch gab,

weil dekadentes Wessi-Eis nicht gut für mich sei, und ich DAS lernen müsse.

 

... da war die Besucher-Zeit jedoch schon vorbei.

Ich winkte hinterher und ging in meine Ecke, um zu lernen.

Um zu lernen, daß ich der glücklichste Affe der Welt bin.

 

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Lieber Kommunist, ich kann dir in Worten nicht beschreiben, was das für ein Lebensgefühl ist

(in der DDR war), im Geschichtsunterricht die französische Revolution zu behandeln,

ahnend, nein wissend, Paris, diesen Ort der Geschichte, NIE NIE NIE persönlich zu sehen.

Sie würde ein „Buch“ bleiben, die Welt, die Große. Reine Theorie. Nie selbst Gesehenes.

Mit diesem Gefühl bin ich aufgewachsen. Es war ein sehr intensives und prägendes Gefühl.

 

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Ich hoffe, du verstehst diesen Brief zu lesen.

Vielleicht kommt ja von dir ein: Aber, dafür hattet ihr doch....

JA, wir hatten.

Und die Rechnung wurde gleich in Bar kassiert.

Täglich.

 

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Ich möchte die Idee des Sozialismus/Kommunismus hier trotzdem nicht allgemein kritisieren.

Inzwischen ist mir jede Weltsicht, Überzeugung und Lebenseinstellung willkommen, wenn sie in der Praxis (Theorien alleine genügen nicht) diese Welt und die Menschen darin ein Stück friedfertiger und gerechter macht. Vorallem wenn sie den Menschen das gibt, was ihnen heute am meisten fehlt: Hoffnung.

 

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Ich fühle mich in der Freiheit des „Westens“ recht wohl,

lehne jedoch den Kapitalismus in seiner jetzigen Form ab.

Nicht aus allgemeinen politischen oder theoretischen Gründen, sondern weil er auf die schlechtesten Charaktereigenschaften des Menschen aufbaut.

Wie da sind: Gier, Habgier, Eigensucht, Neid und Mißgunst.

Also auf Charaktereigenschaften, die man besser kurz bei Laune hält.

 

Wen man mit Sprüchen wie „Geiz ist geil“, „Weihnachten wird unter dem Baum entschieden“ oder „ Ich denke nicht, ich google“ Dienstleistungen und Waren verkaufen kann, stimmt was nicht.

Stimmt was nicht in uns.

Es führt uns weg, von dem was wir sind.

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Leider weiß ich nicht , wie man im Soz/Kom mit diesen Eigenschaften des Menschen umgehen kann.

Ohne dabei Gewalt anzuwenden.

 

Der Satz: "Das Sein bestimmt das Bewußtsein" ist richtig. Das Bewußtsein kann also verändert werden durch geändertes Sein. Wo bleibt dabei jedoch das, von uns kaum verstandene, UnterbewußtSEIN, oder der "tierische" Instinkt? Das Korset der Gene? Also die Gegenspieler der reinen, kopflastigen Ratio?

Denn auch DAS ist der Mensch.

Geleitet von Körperchemie, Kurzschlüssen im Synapsen-Bereich ... oder Gott.

(Wo immer der sich gerade den Rücken kratzt.)

 

Weder Marx, Engels oder Lenin bieten eine Antwort beim Umgang DAMIT.

 

Der Glaube, der Mensch wird gut, wenn man ihn nur gut behandelt, ist wünschenswert.

Nur muß die Realität da noch nachziehen. Und Beweise liefern.

 

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Was ist meine „Alternative“?

Ich habe nur eine für mich. NUR für mich.

Und ich sage mir, wenn der Mensch sich vom Hausschwein tatsächlich nur in fünf Prozent der Gene unterscheidet, er also mehr Tier als Mensch ist, liegt meine Hoffnung in der Gentechnik.

Vielleicht kommt ja der Satz „Ein Mensch wie stolz das klingt“ in der Zukunft mal aus einem Genlobor, statt aus Büchern von privilegierten Geheimräten aus Weimar (die, zwischen zwei Gedichten, auch mal eben eine „Kindsmörderin“ zum Tode mit verurteilen).

 

Bis es soweit ist, halte ich mich am „Strohalm“ des Anarchismus fest.

Einem Strohalm, der mir die Freiheit für mein eigenes Handeln überläßt.

Einem Strohalm, der mir Selbstverantwortung aufnötigt.

Einem Strohalm, der mir überhaupt erst Raum gibt.

Durch sein Sein.

 

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Noch ein Gedanke zum Thema: herrschaftsfreie Gesellschaft.

Brecht formulierte „... der Mensch dulde über sich keinen Herrn“.

Meine Erfahrung bis jetzt ist: der Mensch schreit täglich nach einem Herrn über sich.

Das macht es ihm einfach. Im Leben.

 

Ich gehe davon aus, daß der Kommunismus keine herrschaffsfreie Gesellschaft anstrebt, sondern eine „Macht-Übernahme“.

Du, als Kommunist, würdest dann zu OBEN gehören und hättest ein Problem. MICH, da unten.

Und all die Menschen, die andere „Pläne“ oder Träume haben.

Du könntest uns dann zum Teufel jagen und müßtest auf wichtige ökonomische Arbeiter verzichten.

Du könntest uns auch zum „mitmachen“ zwingen. Mit Gewalt oder deren Androhung.

Machst du es, gehörst du zu einem neuen/alten „Machtapparat“.

Und nichts hätte sich geändert. Für uns da unten.

Für UNS nur die Farbe der Uniform.

Von DENEN da OBEN.

 

Und wieder wäre ein Idee/Ideal in den Sand gesetzt.

 

Falls du geneigt bist, mir zu antworten, du würdest einem Andersdenkenden keiner Repressalie

aussetzen, möchte ich Dir das glauben.

Ich müßte jedoch hinzufügen, daß ich so etwas von einem Kommunisten bisher nur selten erlebte.

 

Toleranz und Empathie sind, soweit ich mich erinnere, auch keine Kernwörter bei Marx, Engels, Lenin, Luxemburg und  ...

Da hieß es eher: "wer sich uns in den Weg stellt, wird im Namen der Geschichte überrollt."

Kollateralschäden inklusive. (interpretiere ich)

ICH aber, habe kein Interesse ein „Kollateralschaden“ zu sein.

 

 

Trotzdem, bleibe wie du bist.

Dein Suchen ist wichtig.

 

 

PS:

Kapitalismus und Demokratie werden uns gerne als Doppelpack angeboten. Als ob das Eine ohne das Andere nicht sein kann. Ich denke, daß darf man hinterfragen. Denn Kapitalismus ist ein Wirtschaftsmodel und Demokratie ein Gesellschaftsmodel. Beide können eine Symbiose eingehen, müßen aber nicht. Da der aktuelle Kapitalismus der Demokrtatie offenbar davon hoppelt, könnte sich die Demokratie  eine anderes Wirtschaftsmodel als Partner suchen.

Die staatlich gesteuerte sozialistische Planwirtschaft hat jedoch als Partner, in der Vergangenheit, bis jetzt leider keine zufrieden stellenden ökonomische Ergebnisse geliefert.

Also muß was Neues her. Was GANZ  Neues.

Aber WAS?

 

DAS ist die Frage.

Und die Antwort suchen wir.

 

 

Nachtrag:   im Mai 2016 erhielt ich auf Grund dieses Briefes eine Nachricht. Hier eine meiner Antworten:

 

 

Hallo Heiko,
 
eine Erinnerung möchte ich noch mit dir teilen.
 
Mein Brief an einen Kommunisten ist kein fiktiver Brief. Er wurde real für einen jungen Mann geschrieben,
der hier in meiner Kleinstadt lebte. Er war damals 17 Jahre alt und aktives Mitglied  der Partei "Die Linke".
Irgenwann war ihm dieser Partei nicht radikal genug und er trat der DKP bei.
Ich besuchte einmal eine Versammlung und ein Treffen der örtlichen DKP-Gruppe und wurde in Sekunden in die
70er Jahre zurückgebeamt. Ältere Männer mit schütteren langen Haaren und im Nato-Parker erzählten mir dort
"Chruschtschow war ein Lügner und hat das Ansehen unseres geliebten Genossen Stalin in den Schmuz gezogen."
"Egon Krenz war ein Verräter und hat Erich Honecker hinterrücks gestürzt."
 
Ich versuchte den gebildeten und sehr engagierten jungen Mann von diesen Leuten wegzuziehen,
indem ich ihm ein Buch von Robert Havemann und diesen Brief schenkte.
 
Inzwischen soll der junge Mann bei der SPD untergekommen sein.
Vielleicht war ich dabei behilflich. Es täte mich freuen.
 
Mike