Interview als DDR-Zeitzeuge

 

Hier ein Interview vom August 2014 für die Schülerzeitung "Penny Lane" des John-Lennon-Gymnasium in Berlin-Mitte , daß auf Grund meiner Tätigkeit als Referendar an Schulen zum Thema DDR-Zeitzeuge entstand.

Das Interview führte Fine Böttner.

 

 

Vom überzeugten Kommunist zum "sogenannten" Staatsfeind
Mike Michelus über sein Leben in der DDR und danach

 

Mike Michelus wurde 1966 in Berlin geboren und ist in Berlin-Köpenick zur Schule gegangen. Als Agitator in der FDJ war er unter den Schülern und Lehrern hoch angesehen. Nachdem er nach der 10. Klasse zum Abitur ausgewählt wurde, bekam er jedoch nach und nach Zweifel an dem so strengen System. Er brach die Schule ab und gelang in die damals noch sehr kleine Punk-Szene. Am 13. August 1985 wurde er auf dem Alexanderplatz verhaftet und monatelang von der Stasi verhört. Sein Urteil: Ein Jahr und 3 Monate Haft. Wie es dazu kam, was es bedeutete, im Stasi-Gefängnis zu leben, und wie er trotz allem noch vor dem Mauerfall in die BRD übersiedeln konnte, erzählte uns Mike Michelus bei einem Berlinaufenthalt im August.
 

1. Lebensphase: "Ihr seit die Führer von morgen"

PL: Wie war dein Leben vor deiner Verhaftung in der DDR? Wie waren deine Ansichten gegenüber diesem Staat?

M.M: Ich bin kommunistisch erzogen worden. Das lag vor allem an der politischen Erziehung an der Schule. Meine Mutter war dagegen eher unpolitisch und sagte gerne: "Wessen Brot ich ess, dessen Liedlein ich sing." Mit solchen Leitsätzen bin ich aufgewachsen und bereits mit 12 Jahren habe ich mich als überzeugten Kommunisten bezeichnet. Ich war vollgepumpt mit Idealen. Mit 15 Jahren war ich Mitglied in der Gesellschaft für Sport und Technik (GST) in der DDR und Agitator in der FDJ. In meiner Klasse wurde ich deshalb halb im Scherz "Die rote Socke" genannt. Am Ende der 10. Klasse wurden dann die zwei besten Schüler der Klasse delegiert, um das Abitur am Gymnasium zu absolvieren. Ich war darunter. Und da ich auf keinen Fall in einer Fabrik arbeiten wollte, habe ich mich für das Abitur entschieden. Wir sollten zu den "Führern von morgen" ausgebildet werden.

 

2. Lebensphase: "Die Phase der Ernüchterung"

PL: Ich verstehe nicht, wie du mit solch einer Einstellung verhaftet werden konntest.

M.M: Innerhalb der ersten Monate am Gymnasium wurde ich kritischer gegenüber Schule und System. Mir fielen Widersprüche auf und ich begann, selbstständig nachzudenken und kritische Fragen zu stellen. An einige Situationen erinnere ich mich noch sehr genau. Zum Beispiel als im September 1983 eine koreanische Passagiermaschine über Kamptschatka, einer Halbinsel in sowietischem Hoheitsgebiet, abgeschossen wurde und die Sowjets bestritten, dass sie Anteil daran hatten. Mein damaliger Klassenlehrer, den ich sehr schätzte, stellte sich kurz nach dem Vorfall vor unsere Klasse und erzählte uns, dass die Nachrichten, die wir im Westfernsehen dazu gesehen hatten und die den Sowjets die Schuld an dem Abschuss gaben, Lügen und "Feindpropaganda" seien. Als die Sowjets eine Woche später allerdings zugaben, dass sie die Maschine abgeschossen hatten, stand unser Lehrer erneut vor der Klasse und sagte uns: Wir haben das Flugzeug doch abgeschossen."
Ich mußte mit ansehen, wie mein Lehrer sich vor meinen Augen "von oben" sein Rückrad verbiegen ließ. Er tat mir leid. Und ich beschloss: Das lasse ich nicht mit mir machen. Es gab auch andere Situationen, in denen ich mich ungerecht behandelt fühlte und von den Lehrern keine Chance bekam, mich zu verteidigen. Das hat mich damals sehr wütend gemacht, sodass ich mich mental immer weiter von dieser Schule entfernte.
Zur gleichen Zeit bekam ich durch Bekannte Kontakte zur Punk-Szene. Zeitgleich erschien mir mein Zuhause immer mehr wie ein politisch uninteressierter und spießiger Ort, wo der neue Kronleuchter im Wohnzimmer wichtiger sein sollte, als meine Fragen an die Zukunft. Ich fing dann an, in der Schule heimlich Flugblätter zum Thema Umweltschutz zu verteilen. Daraufhin kam die Stasi an unsere Schule und hat die Schüler darüber befragt, woher diese Flugblätter wohl kommen. Dass die Stasi wegen so etwas an die Schule kam, hat mich dann doch überrascht. Und ich fragte mich: sind umweltbewußte DDR-Bürger jetzt Staatsfeinde? Ich spürte, nein ich wußte jetzt, mit diesem Land stimmt etwas nicht, wenn man die Staatssicherheit an der Backe hat, nur weil man irgendwie "grüne" Gedanken verbreitet.
Wegen all diesen Ereignissen und vieles mehr, brach ich die Schule ab und zog von zuhause aus. Ich hatte genug gesehen und wollte jetzt wissen, was diese Welt sonst noch für mich bereithält.

 

3. Lebensphase: "Die zweite Geburt"

PL: Und was geschah dann?

M.M: Als ich die Schule verließ, fiel viel Ballast von mir ab und ich fühlte mich wie neu geboren. Ich bewegte mich ab jetzt in der Punk-Schwulen- und Lespen-Szene, in eine Art "Pseudo-Untergrund". Die nächsten 2-3 Monate waren wie ein Urlaub für mich. Eine Mischung aus Freude über Freiheit und ein Suchen und Kennenlernen desen, was meine Lehrer mir ankündigten: DAS LEBEN. In dieser Zeit lernte ich auch Jenny Buch kennen. Wir wurden gute Freunde und wohnten dann zusammen.

 


"Hätte es geregnet, wäre alles anders gekommen."

M.M: Jenny wollte unbedingt in den Westen. Sie hatte bereits einen legalen Ausreiseantrag gestellt bevor wir uns kennen lernten, aber die Bearbeitung eines solchen Antrags konnte weit mehr als 2-3 Jahre dauern. So lange wollte sie nicht warten. Deshalb hatte sie den Plan, am 13. August, dem Tag des Mauerbaus, auf offener Straße Provokationen durchzuführen, um daraufhin verhaftet zu werden. Denn dann würde sie der Staat womöglich loswerden wollen und der Westen als politischer Häftling freikaufen. Sie käme schneller in den Westen.
Am 13. August fragte Jenny mich, ob ich sie begleiten möchte. Ich wollte die DDR eigentlich nicht verlassen, aber da die Sonne schien und ich den Tag nicht in der Wohnung verbringen wollte, ging ich mit. Jenny sagte noch zu mir: wenn du Lust hast, kannste ja mitmachen, ist deine Sache.

 


Die Aktion

M.M: Wir stellten uns in eine Straße im Prenzlauer Berg. Jenny schminkte ihr Gesicht weiß und tat eine Weile lang so, als würde sie im "Neues Deutschland", der Parteizeitung der SED, lesen. Dann riss sie die Überschrift Neues Deutschland heraus und hielt sie stumm über ihren Kopf. In irgendeinen phseudo-revolutionären Anfall von Mut, Besserwisserei und Dickköpfigkeit, oder nur aus Verzweiflung und Wut, rief ich auf die Straße: "Genau DAS brauchen wir, ein neues Land, mit neuen Menschen, so daß einer Mauer nicht mehr notwenig ist." Ich kam mir vor, wie Che Guevara vor dem Weißen Haus. Da hat der Michelus mal eben wieder die Welt gerettet. Wie schon vorher bei der Flugblattaktion in der Schule.
Ich sah ja damals die historische Notwendigkeit und die Entstehungsgeschichte der Mauer ein, aber Mitte der 80er-Jahre, als sich BRD und DDR in friedlicher Koexistenz befanden, hätte ich ein 2-3wöchiges Visum für DDR-Bürger, um Verwandte zu besuchen oder sich mal den Eiffelturm anzuschauen, für angebracht gefunden. Ich wollte eine reformierte DDR. Nach der Aktion war ich mit mir im Reinen: Ich hatte nicht geschwiegen wie die anderen. Aber niemand von den vorbei laufenden Leuten blieb stehen und es kam auch kein Polizist, um Jenny zu verhaften. Also gingen wir zum Bahnhof am Alexanderplatz. Wir wiederholten die Aktion, diesmal allerdings zu zweit und komplett stumm. Es blieben ca. 100 Leute stehen, um zu gucken, und ich habe in jedem Augenblick damit gerechnet, dass wir die Menschen zu einer Disskusion anregen konnten. Das war damals sehr naiv von mir.
Doch bevor es überhaupt zu einer Diskussion hätte kommen können, kam ein Polizist und nahm Jenny und mich "zur Klärung eines Sachverhalts" zur Volkspolizei in der Keibelstraße mit. Unter den Zuschauern rief jemand: "Die haben aber Mut!" und es wurde applaudiert. Zu diesem Zeitpunkt dachte ich noch, ich könnte nach 2 Stunden wieder nach Hause, denn ich hatte ja nichts Schlimmes im Sinn. Doch nachdem ich einen Tag und eine Nacht verhört wurde, bekam ich den Haftbefehl und wurde 2 Etagen höher in die Stasi-Abteilung gebracht. Auch hier habe ich noch mit einer Woche Haft und einem sozialen Dienst als Wiedergutmachung gerechnet. Doch die Vernehmungen dauerten knappe 3 Monate. Während dieser Zeit lebte ich im Knast in Pankow und wurde 2-3 Mal pro Tag verhört.

 

Die Verhöre und das Leben in Stasi-Haft

PL: Wie hast du die Vernehmungen damals wahrgenommen? Welches Gefühl hattest du dabei?

M.M: Ich empfand vor allem Unverständniss und Wut. Ich konnte nicht verstehen, warum mich die eigenen Leute einsperrten. Ich war doch kein Staatsfeind! Punk ok, aber kein Staatsfeind. Die Stasileute jedoch hatten kein Interesse an politischen Grundsatzdiskussionen oder den Motiven, die mich dazu gebracht haben, an der Aktion teilzunehmen. Sie wollten den Fall abarbeiten und während der Vernehmungen wirkte es auf mich so, als suchte die Stasi krampfhaft nach einem Grund, um mich zu verurteilen. Im Urteil hieß es letztendlich, dass ich den legalen Ausreiseantrag meiner Freundin unterstützen würde und den Polizisten durch meine Verhaftung an der Ausführung seiner "ordnungsgemäßen Kontrolltätigkeit " gehindert habe. Der Grund für meine Verhaftung war also meine Verhaftung. Kafka läßt grüßen.

PL: Wie waren die Umstände im Gefängnis?

M.M: Ich war auch im Gefängnis in Hohenschönhausen. Dort ging es den Gefangenen im Vergleich zu den anderen Gefägnissen, die ich noch kennenlernte, gut. Ich lebte die meiste Zeit über in Isolationshaft in einer Zweier-Zelle. Wenn man dabei erwischt wurde, heimlich Morsezeichen über die Heizungsrohre an andere Zellen zu senden, musste man für gewöhnlich eine Woche lang im Bunker des Gefängnisses verbringen.
Einmal passierte mir eine komische Geschichte im Gefängnis Hohenschönhausen, die ich bis heute nicht richtig einordnen kann. Ich wurde aus meiner Zelle geholt und zum Gefängnisdirektor gebracht. Der fragte mich dann: "Wie gefällt's Ihnen hier? Haben Sie irgendwelche Wünsche?". Zuerst dachte ich, er treibt einen Spaß mit mir. Aber als ich merkte, er meint seine Fragen ernst, sagte ich ihm, dass ich Jenny gerne wiedersehen würde. Denn wir hatten seit unserer Verhaftung nichts mehr voneinander gehört. Er meinte, dass ließe sich einrichten. Ein paar Tage später wurde ich erneut zum Direktor gebracht und vor seinem Tisch saß Jenny. Wir konnten uns unter der Aufsicht des Direktors eine Weile lang unterhalten.

 

 

"Die Eingliederung in den Westen war schwer."

PL: Und wie kam es dann dazu, dass du noch vor dem Mauerfall in den Westen konntest?

M.M: Nachdem ich ein paar Monate in Hohenschönhausen und anderen Ostberliner Gefängnissen verbrachte, wurde ich in das Gefängnis in Cottbus verlegt. Hier hörte ich wieder davon, dass die BRD Gefangene der DDR frei kaufte. Viele der anderen Häftlinge hatten bereits einen Antrag auf Ausreise aus der DDR gestellt, um freigekauft zu werden. Das legten sie auch mir ans Herz, da ich als Vorbestrafter keine Zukunft in der DDR hätte. Also befolgte ich ihren Rat und warf einen Antrag in den "Stasi-Briefkasten" in dem Gefängnis. Schon nach zwei Monaten wurde ich aufgerufen, meine Sachen zu packen. In meinen Stasi-Unterlagen, die ich später einsehen konnte, steht die Bemerkung, dass ich keine Geheimnisträger in der Bekanntschaft habe. Vielleicht hat aber auch mein Opa, der im Westen lebte und Kontakte zur CDU hatte, dafür gesorgt, dass mein Antrag so schnell bewilligt worden ist.

PL: Wie lief deine Reise in den Westen ab?

M.M: Alle frei gekauften Gefangenen wurden in einem Westbus nach Giessen gebracht, in das zentrale Aufnahmelager der BRD. Als beim Grenzübertritt vom Busfahrer die Durchsage gemacht wurde "Willkommen im Westen", war das ein unbeschreiblich befreiendes Gefühl. Und ich wurde nachdenklich darüber, wie es jetzt mit mir weiterging. Ich kannte ja außer meinem Opa niemanden in der BRD.

PL: Wie ging es dann weiter?

M.M: Im Aufnahmelager wurde ich gefragt, wo ich jetzt leben möchte. Ich wollte unbedingt eine Ausbildung machen, denn in der DDR hatte ich gehört, dass "nur die Harten durchkommen in der BRD". Ich hatte ein wenig Angst unter der Brücke landen, oder es sonst nicht zu schaffen. Also wurde ich in das Asylantenheim in Balingen in Baden-Württemberg geschickt, wo es am meisten Ausbildungsstellen gab. Dort fing ich eine Ausbildung zum Fotolaboranten an.

PL: Wie wurdest du in der Ausbildungsstelle aufgenommen?

M.M: Als die Mitarbeiter des Arbeitsamtes erfuhren, dass ich aus dem Osten komme, riefen sie begeistert die anderen aus der Abteilung zusammen: "Da ist ein Ossi!" Alle kamen angelaufen und wollten meine Geschichte hören. Sie waren überrascht darüber, dass die BRD Häftlingsfreikauf betrieb. Zur Begrüßung schenkten sie mir 50 Mark und versprachen mir ihre Unterstützung. Sie gaben mir auch den Rat: Herr Michelus, wenn sie in ihrer Ausbildungsstelle anfangen, erzählen sie bitte nicht gleich jedem, daß sie aus dem Osten kommen. Wissen sie, einige haben da gewisse Vorurteile. So war es dann auch. Die meisten jedoch verhielten sich sehr wohlwollend, fast bis zur Mitleidigkeit, gegenüber mir. Ich konnte recht schnell "punkten", wenn ich zeigte, daß ich, obwohl aus "irgendwo hinter Sibirien kommend", lesen und schreiben kann (kleiner Scherz meinerseits). Ich konterte dann gerne mit meinem Wissen darüber, daß Majakowski ein russischer Dichter der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts war. Und keine russische Majonaise. Mit solchen Scherzen hielt ich mich anfangs über Wasser, um nicht ständig beleidigt zu sein. Die Schwäbische Alb ist nicht Berlin. Die Leute auf der Alb sind halt sehr konservativ, so war ich für einige von ihnen immer noch ein Kommunist. Allein schon auf Grund meines Geburtsdortes.

PL: Konntest du dich trotzdem schnell in der BRD einleben?

M.M: Schnell ging das nicht. Auch wenn die Menschen sehr freundlich waren, unterschied sich deren Mentalität stark von der der DDRler. Ich fühlte mich anfangs wie in Timbuktu. Während die Ossis an den Dingen an sich interessiert waren, guckten die Wessis oft und schnell auf den Preis. Sie schienen mir sehr geldorientiert. Außerdem wurde ich in der DDR so erzogen, dass ich meine Interessen denen der Gemeinschaft unterordnen soll. Im Westen "durfte" es jedoch nur einen geben. Nur der stärkste überlebt. Ich jedoch war schwach und forderte mein Recht, an Darwin vorbei, trotzdem zu leben. Wir Ossis & Wessis haben also oft aneinander vorbeigeredet. Es hat viele Jahre gedauert, bis ich hier angekommen bin. Diverse WG's und alternative Projekte waren dabei sehr hilfreich.

 


"Man hat viel Macht über Kommunikation."

PL: Wie hast du den Mauerfall erlebt?

M.M: Zur Zeit der Maueröffnung saß ich in einer Kneipe, in der ein Fernseher lief.
Die Ereignisse in Berlin wurden dort live übertragen. Ich saß 3 Stunden lang einfach nur da und konnte es nicht glauben. Ich empfand Freude und Erleichterung. Ein paar Wochen später bin ich nach Berlin gefahren und besuchte alter Bekannte und meine Familie, die ich seit einigen Jahren nicht gesehen hatte, denn nach meinem Freikauf als politischer Häftling durch die BRD hatte ich von den DDR-Behörden eine 11jähriges Einreiseverbot erhalten. Am Brandenburger Tor lief dann die große Einreise/Ausreise Show. Eine Stunde lang bin bestimmt 20 mal in die DDR eingereist und wieder ausgereist. Rechts vom Tor die Einreise und zehn Meter weiter links die Ausreise. Ich fühlte fast schon hämische Genugtuung, Gott möge mir verzeihen, wenn ich dabei die resignierten bis angewiederten Gesichter der DDR-Grenzsoldaten sah. Sie hatten jetzt keine Macht mehr über mich. Das wussten sie und ich genoß es, daß sie es wußten. Mein Traum schien sich zu erfüllen, man konnte jetzt DDR-Bürger und trotzdem frei sein. Das die DDR, die Heimat meiner Kindheitserinnerungen, später dermaßen schnell "abgewickelt" würde, ahnte ich damals noch nicht.

 

PL: Was bist du heute von Beruf?

M.M: Ich arbeite seit 9 Jahren als Techniker an einem Theater in Stuttgart. Vorher war ich 10 Jahre selbstständig im Gastro- und Eventbereich, nachdem ich wiederrum vorher zwei Ausbildungen als Fotograph und Schreiner abbrach und mich teilweise mit Gelegenheitsjobs über Wasser hielt. Heute würde ich sagen, nachdem ich mit 19 Jahren die Schule schmiß und das Leben suchte, bin ich jetzt genau dort angekommen. Das ganze hat 40 Jahre gedauert. Effizients sieht anders aus, klar. Aber so war nunmal mein Leben. Bis jetzt.

Wenn mich heute jemand fragt: wer bist du? Antworte ich: der glücklichste Spießer der Welt. Ich denke, ich hab's mir verdient.

PL: Glaubst du, dass du viel Mut gehabt hast, und deshalb alles so gut ausgegangen ist?

M.M: Mut? Ein starkes Wort. Bin ich mutig, wenn ich atme? Bin ich mutig, wenn ich lebe? So wie ich es will? Vielleicht. Ich nenne es Dickköpfigkeit, Eigensinn und Überlebenswillen. Das Wort Mut würde ich lieber für Menschen wie Herrn Manning und Herrn Snowden reservieren.

PL: Gibt es noch etwas, das du unseren Lesern ans Herz legen möchtest?

M.M: Lest! Lest Bücher! Am besten welche, die Ihr beim Buchladen um die Ecke gekauft habt. Und glaubt bloß nicht alles was darin steht! Denkt selber nach! Ihr entscheidet! Und hört bitte auf mir Facebook-Nachrichten wie: "gehe jetzt ein Eis essen" zu schicken! Ein noch lebender französischer Philosoph, die gibt es immer  noch, nannte Euch "Die Däumlinge", weil Ihr in der gesamten Menschheitsgeschichte die erste Generation seit, die mit einem Daumen und dem Smartphon Zugriff auf das gesamten Wissen der Menschheit habt. Unabhängig von Status, Herkunft und Moral. Er beneidet Euch. Ich auch. Ihr habt dadurch viel Macht und gute Zukunftsaussichten. Nutzt sie!

In diesem PDF-Dokument finden SIe eine Übersetzung dieses Interviews in japanisch.
Die Übersetzung wurde angefertigt von Yoko Kawaguschi Busch.
Penny Lane Schülerzeitung.pdf
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